Ein Buchhändler auf Abwegen?                                                                                        11.04.2011


Das alte beigefarbene Sofa quietscht ein bisschen, als sich der junge Mann hinsetzt. Ein weißes Tischdeckchen verziert den kleinen Tisch davor. Dunkle Regale voller Bücher rahmen das Bild ein. Die Szenerie erinnert an ein gemütliches, großelterliches Wohnzimmer. Doch Sven Kehl-Fritschi sitzt nicht in einem Wohnzimmer, sondern in einer Buchhandlung – in seiner Buchhandlung Pegasos Herr Kehl-Fritschi ist 35 Jahre alt, frisch verheiratet und hat mit Anfang 20 in einer Filiale einer Buchhandelskette seine Ausbildung zum Buchhändler gemacht – genauer gesagt zum Fachbuchhändler. Das mache aber keinen Unterschied in der Ausbildung, nur im Arbeitsalltag, erklärt er. Ihm helfe dieses Wissen vor allem im Umgang mit Firmenkunden. Deren Anteil war beim Vorbesitzer bei fünf Prozent, bei ihm seien es inzwischen 15. Er schaut sich in seiner Buchhandlung um, rückt seine Brille zurecht und beginnt von den Anfängen zu erzählen.





Und familiär passt auch zur Umgebung. Lampertheim ist ein kleines Städtchen, das mit den kleineren umliegenden Stadtteilen 31.000 Einwohner hat. Es liegt an der Bergstraße im Einzugsgebiet von Worms, Mannheim und auch Heidelberg und im Mai und Juni dreht sich alles um Spargel. Der Laden ist übersichtlich mit seinen 70 Quadratmetern, doch gerade richtig für eine Kleinstadtbuchhandlung. Die Buchauswahl ist dem angepasst. Es gibt von allem ein bisschen. Anfang der 80er wurde das Rhein-Neckar-Zentrum in der Nähe eröffnet. Das hat der Lampertheimer Innenstadt viele Kunden abgezogen. [Anmerkung 1] Das störte aber den Alltag im Pegasos nicht besonders, denn die Buchhandlung befindet sich eher am Rande der Stadt in der Nähe des Bahnhofs, gegenüber der Post. Das bringe unheimlich viel Laufkundschaft, vielleicht sogar mehr als er in der Innenstadt hätte, sagt Sven Kehl-Fritschi. Eigentlich hätte also alles gut sein können. Warum hat dann aber der Vorgänger den Laden Mitte 2008 abgegeben? Es war weder die Lage noch das neue Einkaufszentrum. Die Probleme waren persönlicher und digitaler Natur. Doch das konnte Herr Kehl-Fritschi beides gut auffangen.





Das Internet ist also ein großes Thema in der Buchwelt. Sven Kehl-Fritschi stört das aber nicht. Er sei sowieso ständig online unterwegs. Das Internet ist für ihn das Medium der Gegenwart und der Zukunft. [Anmerkung 2] Das heißt für ihn, dass es selbstverständlich ist, das Internet in den beruflichen Alltag einzubinden. [Anmerkung 3] [Vergleiche Anmerkung 4: Kinderbuch] Man müsse da einfach mitmachen, einfach um zu zeigen, dass man dabei ist und, dass das Buch auch modern sein kann. Er findet Bücher nämlich ganz und gar nicht antiquiert. Diesen Ruf habe das Buch oder der Buchhändler leider. Da es unterschiedliche Altersstufen in seiner Zielgruppe gibt, pflegt er auch unterschiedliche Kanäle im Internet. So hat er einerseits eine Internetseite. Hier schauen Kunden vor allem nach den Öffnungszeiten, der Adresse oder den Lesetipps. Er glaubt, dass vor allem Leute von außerhalb durch seine Internetseite auf ihn stoßen. Als Zweites hat er einen Blog und sein dritter Kanal ist Facebook. Aktuell zu bleiben und Bewegung zu signalisieren ist ihm besonders wichtig.





Mit den Online-Sachen meine er in erster Linie Facebook, erklärt er später. Er kenne die Online-Affinität sonst aber nur von wenigen anderen kleinen Buchhandlungen. Die großen Ketten seien natürlich ganz vorne dabei und deswegen sei das Internet gerade auch nicht so das Thema. Thema sei nämlich die Verkleinerung von Ladenflächen. [Anmerkung 4] Das weiß Herr Kehl-Fritschi, weil seine Frau die Leiterin der Thalia-Filiale in Ludwigshafen ist. Deswegen mache ihm auch diese Filialentwicklung keine Angst, weil er sehe, dass sie sich ganz anders ausrichten und andere Schwerpunkte legen als er. Er nimmt sich trotzdem die Multi-Channel-Strategie, also die Verknüpfung von der Buchhandlung vor Ort und im Internet [vergleiche Text: Einstieg], als Vorbild, was aber leider nicht so funktioniere, wie er sich das vorgestellt habe.





Er versucht also das Internet mit dem realen Buchhandlungs-Alltag zu verbinden. Bei seinen Internet-Kunden funktioniere das auch. Sie kämen auch in den Laden, aber die typischen Laden-Kunden würden nur sehr selten seine Internet-Angebote nutzen: Er habe mal die Bücher, die er auf der Internetseite gerade vorgestellt hat, auf einem Tisch im Laden ausgelegt, aber darauf sei überhaupt keine Reaktion gekommen. Trotzdem möchte er dranbleiben und das Thema online auch weiter sehr genau verfolgen. Auch über seine weiteren Ziele spricht er sehr zuversichtlich.





Lächelnd sitzt Herr Kehl-Fritschi noch einen Moment auf seinem beigefarbenen Sofa. Dann erhebt er sich, rückt das weiße Tischdeckchen zurecht und geht an einen der beiden Rechner. Es gibt bestimmt etwas Neues. Doch bevor er sich in irgendwelchen Tiefen des Internets verliert, schaut er sich noch einmal in seinem Geschäft um. In den kleinen Läden stimme Aufwand und Ertrag nicht überein, aber die Zufriedenheit sei es wert.

Sven Kehl-Fritschi, Geschäftsführer                      © Rahel Trotta

[Anmerkung 1]


Klaus Feld, Börsenverein:

Das liegt deutlich am Kundenverhalten. Der Kunde bevorzugt alle Einkäufe an einer Stelle erledigen zu können. Man geht gerade noch zum Bäcker und zum Metzger. Dieser Strukturwandel in den Ortskernen, der macht dem Buchhandel stark zu schaffen.“



[Anmerkung 2]


Klaus Feld, Börsenverein:

„Wer meint auf Dauer zu sagen: Ich bin der Buchhändler und der Kunde hat gefälligst zu mir zu kommen, der hat schlechte Karten. Denn es wächst eine Generation heran, die ganz anders aufgestellt ist. Die kennen sich ganz anders mit dem Internet aus. Die wissen, wo sie welche Information bekommen und sie wissen es auch zu nutzen.“



[Anmerkung 3]


Alexander Wattig, Social-Web-Berater, vergleiche Präsentation „Social Media im Buchhandel – Erfolgsgarant oder Zeitfresser?“, gehalten im Rahmen der Sortimentertagung Essen am 21.02.2011:

Alexander Wattig empfiehlt dem stationären Buchhandel sich mehr mit dem Web 2.0 auseinander zu setzen. Besonders Facebook halte er für sinnvoll (vergleiche Folie 25). Ziel solle sein „in den Nachrichtenstrom potenzieller Kunden [zu] gelangen“ (Folie 30). Wichtig sei, die Persönlichkeit der Buchhändler (vergleiche Folie 55) und somit auch des Ladens zu vermitteln. Die Themen, über die geschrieben werden können, ergeben sich oft aus dem Arbeitsalltag (vergleiche Folie 53). Außerdem ist „der Buchhändler [...] über die Kommunikationswege ansprechbar, welche seine Kunden nutzen.“ (Folie 58) Der Buchhändler sollte also seinen Kunden dort begegnen, wo er sich aufhält und nicht warten, bis er in den Laden kommt.




[Anmerkung 4]


Alexandra Herrmann, Thalia:

„Zukünftig werden die Filialen kleiner werden. Also nicht bestehende Filialen, sondern neu eröffnete werden nicht mehr 2000 Quadratmeter groß, wie sie jetzt oft sind, sondern irgend etwas zwischen 1000 und 1500 Quadratmetern.“


Als Grund nennt Frau Herrmann die weitere Abwanderung ins Internet, die Thalia erwartet. Im Börsenblatt 7/2011 auf Seite zehn wird ein möglicher weiterer Grund aufgeführt:


„Für 2011 sagen die Immobilienfachleute steigende Mieten in den Toplagen und in guten Standorten der zweiten Reihe voraus.“