[Anmerkung 1]




























[Anmerkung 2]


Buch und Buchhandel in Zahlen 2010,

Seite 96:

„Für das Berufsbild Buchhändler sind im vergangenen Jahr 571 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden – 181 oder 24 Prozent weniger als 2008.


Buch und Buchhandel in Zahlen 2010, vergleiche Seite 97:

Der Beruf Buchhändler oder besser Buchhändlerin scheint besonders die Frauen anzusprechen. 83 Prozent aller Ausbildungsverträge sind im vergangenen Jahr mit Frauen abgeschlossen worden.

Marek Groß (28)

Anton Würth (54)

Dr. Peter Schaaf (66)

Kurt Sohns (75)

Drei Fragen an die Kunden:

  1. 1.Wieso kaufen Sie Ihre Bücher hier und nicht bei einer Kette oder im Internet?

  2. 2.Was könnten kleine Buchhandlungen verbessern?

  3. 3.Was leisten die kleinen Buchhandlungen, was große Ketten oder das Internet nicht kann?

Andrea Meyering (38)

„Von Tradition kann man

sich nichts kaufen.“


Ein Mann mit Lederjacke und weißgerahmter Brille betritt mit flotten Schritten das Geschäft. Er trägt eine große, schwarze Kiste. Offenbar ist sie nicht schwer. Mit lauter Stimme begrüßt er die drei Damen, die heute in der Buchhandlung in Offenbach arbeiten. Die Geschäftsführerin, Helma Fischer, läuft dem Herrn entgegen. Er hat inzwischen die Kiste auf einen Stuhl gestellt und den Deckel abgenommen. Darin steht – etwas verrutscht – ein Torte mit einem Bild aus Marzipan obenauf. Ein alter Mann inmitten von Büchern und einem aufgeschlagenen Buch in der Hand ist darauf zu sehen. „Da wird sich Herr Franck sicher sehr freuen“, sagt Frau Fischer. Inzwischen sind auch die zwei anderen Damen zur Kiste gekommen und andächtig stehen die vier um sie herum und blicken auf die Torte hinab. „Wenn er Schwarzwälder-Kirsch mag, dann ja.“ Der Mann lacht laut auf. „Das Bild sieht auf der Torte noch viel schöner aus als in der Zeitung“, sagt Frau Fischer lächelnd. „Da haben Sie Recht.“ Der Mann nimmt sich wieder die Kiste und verschwindet mit der Geschäftsführerin durch den Hinterausgang.


Grund zu feiern


„Den 100. Geburtstag kann man auch mehrmals feiern und mit so einer Torte allemal“, sagt die eine Angestellte. „Dass aber der Steuerberater sich solche Mühe gibt, ist wirklich lieb“, sagt die andere. Bevor sich die beiden weiterunterhalten können, klingelt die Türglocke und ein Kunde betritt den Laden. Während in der Buchhandlung über Max Frisch debattiert wird, geht es vor der Tür um die Familie. Laut wird in halb deutsch, halb türkisch quer über die Straße diskutiert. Kurz darauf verlässt der Kunde mit einem Buch unterm Arm das Geschäft. Die Debatte vor der Tür ist inzwischen auch verstummt. Die beiden Angestellten fangen wieder an sich zu unterhalten: „Herr Franck hatte letzte Woche bestimmt so viel Besuch, dass sie jetzt mit ihrer Torte bestimmt mehr Aufmerksamkeit bekommen.“ Sie grinst. „Das kann natürlich sein.“ „Letztes Jahr 175. Jubiläum für die Buchhandlung und ein Jahr später das 100. für den Inhaber. Jetzt reicht es ihm sicher erstmal mit Feiern.“ Die Angestellten lachen und gehen wieder an die Arbeit.


Eine lange Geschichte


Frau Fischer betritt einige Zeit später wieder den Laden. „Hat er sich gefreut?“, fragt die eine Angestellte. „Ja, sehr.“ Die andere Angestellte hält ein Buch in der Hand. „Das habe ich eben beim Aufräumen gefunden.“ „Ach, unser Jubiläumsbuch. Da habe ich alle Bilder reingedruckt, die was mit unserer Geschichte zu tun haben“, erklärt Frau Fischer. „Hier die Anzeige, die für die Eröffnung 1835 in der Zeitung stand: „In meiner dahier errichteten Buch-, Landkarten- und Schreibmaterialienhandlung sind Bücher etc. jeder Art vorrätig und werden gefällige Aufträge darauf schnell und billigst ausgeführt.“ Unterschrieben von einem Herrn Wächtershausen, aber schon 1848 hat die Buchhandlung ein Herr Steinmetz übernommen und seitdem heißen wir so.“ Frau Fischer blättert weiter.


Zu fein für Bestseller


„Auf unsere Tradition können wir stolz sein, aber von Tradition kann man sich nichts kaufen.“ Die Geschäftsführerin blickt kurz vom Buch auf und blättert dann weiter. „Die Bestseller werden bei Thalia gegenüber gekauft und bei uns wird beraten. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Tradition untergehen.“ Frau Fischer blättert etwas schneller. „Die Leute denken, dass wir zu fein für Bestseller sind und kommen deswegen oft nur für spezielle Themen und Beratung her. Die Atmosphäre im Gleichgewicht zu halten ist da sehr schwierig. Einerseits macht uns dieses, ich nenne es mal, Gebildete aus. Andererseits fehlt uns der Umsatz, wenn wir uns zu sehr darauf konzentrieren.“ Frau Fischer klappt das Buch zu. Eine kurze Pause entsteht. „Ich höre aber oft von Kunden, dass sie es toll finden, dass wir eine der vier ältesten Buchhandlungen Hessens sind“, reagiert darauf die jüngere der beiden Angestellten.


Das Besondere ist gefragt


„Das mag ja sein, aber es gibt genug Leute, die das nicht interessiert. Wir bestechen eher durch unser Sortiment und unser Wissen.“ Die Angestellte nickt. Frau Fischer redet weiter: „Unser Sachbuchbereich ist die Marmelade auf dem Brot. Vom Brot – der Massenware – leben wir und die Marmelade hebt uns von den anderen ab. Gerade haben wir zum Beispiel ein Buch da, das das Leben in den Tiefen des Meeres erklärt. Dann haben wir eins, in dem beschrieben wird, wie in den letzten Jahrhunderten zufällig Pflanzen eingeschleppt wurden, die jetzt Auswirkungen auf unser Ökosystem haben. Auch philosophische Themen führen wir viel. Es muss einfach interessant sein und wir müssen wissen, wovon wir reden.“ Frau Fischer hat das Buch inzwischen beiseite gelegt. „Da haben Sie natürlich Recht, aber diesen gewissen Standard, für den wir stehen, macht auch unsere Tradition aus“, antwortet die ältere Angestellte. „Ja, das bedingt sich natürlich gegenseitig.“ Frau Fischer nickt: „Wir ziehen schon das Bildungsbürgertum an. Unsere Kunden sind hauptsächlich an Inhalten interessiert. Sie wollen eben nicht nur die Bestseller, worüber alle reden, sondern das Besondere“, sagt Frau Fischer. Die jüngere Angestellte nickt. „Das zeigen wir ja mit unserer wechselnden Schaufensterdeko auch nach außen. Alle zehn Tage ein neues Thema und jedes Mal was besonderes. Momentan haben wir die Kelten...“ „...davor hatten wir Ostern und davor...“ „Max Frisch.“ Die beiden Angestellten ergänzen sich gegenseitig.


Hier hat alles Tradition


Das Telefon klingelt und Frau Fischer meldet sich: „Steinmetz‘sche Buchhandlung, Fischer, guten Tag?“ Die Angestellten stehen noch beisammen und reden über alte Zeiten. „Komisch eigentlich, dass sich bei uns so wenig verändert hat. Immer noch im gleichen Haus...“ „...und immer noch bin ich hier.“ Frau Fischer hat am Telefon nur schnell eine Bestellung entgegengenommen. „Seit wann sind Sie noch mal hier?“ „Seit 45 Jahren“, antwortet Helma Fischer. Sie lacht und rückt sich ihre dünne, goldene Brille zurecht. „In der Zeit hat sich schon einiges verändert.“ „Aber die einzige große Veränderung war doch die Eröffnung von dem riesigen Buchladen gegenüber, oder?“, fragt die jüngere Angestellte und schaut fragend zur älteren. „Und zur gleichen Zeit wurde hier die Frankfurter Straße zur Fußgängerzone. Wie lange ist das her?“ „15 Jahre.“ Frau Fischer nimmt die Brille ab und reibt sich über die Augen. „Das war ein großer Einschnitt und wir haben schon etwas gebraucht, um uns davon zu erholen.“ Sie deutet nach draußen. „Die Offenbacher waren es einfach gewohnt, hier mit dem Auto reinzufahren und ein so großes Angebot an Büchern hat die Leute neugierig gemacht.“ Sie lacht. „Wir sind hier in einem sehr kaufkräftigen Gebiet. [Anmerkung 1] Da kann man sich die Kunden teilen und es reicht trotzdem noch.“ Sie lächelt.


Es geht um das Wesen des Buches


Kurz stehen alle noch nachdenklich zusammen. Dann klingelt gleichzeitig das Telefon und die Türglocke. Alle machen sich an die Arbeit. Wenig später sitzt Frau Fischer an ihrem Schreibtisch und schaut die Post durch. „Hier bewirbt sich jemand für eine Ausbildung. Das hatten wir lange nicht.“ Sie liest sich die Bewerbung neugierig durch. Gleichzeitig schaut die jüngere Angestellte Frau Fischer über die Schulter. „Sieht nett aus.“ Es geht niemand auf den Kommentar ein. „Es ist aktuell kein großer Andrang bei den Ausbildungen. Wir hatten in der letzten Zeit so zwei oder drei Stück. Früher wären es in der gleichen Zeit zehn gewesen.“

[Anmerkung 2] Sie legt den Brief zur Seite. „Ich hoffe, das wird sich bald wieder ändern.“ Sie schüttelt den Kopf. „Machen Sie sich Sorgen?“, fragt die jüngere Angestellte. „Nein, das mache ich nicht. Ich finde es einfach schade.“ Sie blickt ihre Angestellte an: „Das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch, aber wir setzen auf das ursprüngliche Wesen des Buches – auf das Vermitteln von Inhalten – und das wird immer gefragt sein. Also brauche ich mir keine Sorgen machen.“ Sie rückt ihre Brille zurecht und beugt sich entschlossen über die Post.

09.05.2011