[Anmerkung 1]


Buch und Buchhandel in Zahlen 2010, Seite 51:

„Der Umsatzanteil, der über das Internet erwirtschaftet wurde, ist mit 53 Prozent stabil geblieben. Damit hat der Online-Handel im Antiquariat einen deutlich höheren Stellenwert als im Sortimentsbuchhandel [15,5 Prozent].“



[Anmerkung 2]


Buch und Buchhandel in Zahlen 2010, vergleiche

Seite 41:

40 Prozent des Umsatzes, der mit dem Verkauf von Büchern in Buchhandlungen gemacht wird, generieren die zehn größten stationären Buchhändler.




[Anmerkung 3]


Buch und Buchhandel in Zahlen 2010, Seite 38:

„ [...] der Konzentrationsprozess im Verlagswesen [ist] deutlich weiter fortgeschritten [...] als im Buchhandel. Verlage mit einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro erwirtschafteten [2008] im Schnitt etwas mehr als 60 Prozent des Gesamtumsatzes.“



Umsatzentwicklung der Verlage




















[Anmerkung 4]


Klaus Feld, Börsenverein:

„Der Buchhandel lebt dort [im englischsprachigen Ausland] von Butter-und-Brot-Artikeln. Da sind die Bestseller aus dem Belletristikbereich. Sie werden meistens mit deutlich abgesenkten Preisen angeboten und das macht es natürlich den Verlagen ausgesprochen schwer. Die Verlage brauchen auch Leben in ihrem Verlagsprogramm, eine gewisse Quersubventionierung. Sprich die gut verkäuflichen Titel finanzieren in der Regel auch andere Titel, die weniger gut verkäuflich sind, die aber möglicherweise anspruchsvoll sind. Wenn diese Basis wegbricht, dann verliert auch ein Verlag das Interesse daran, auch mal ein Buch außerhalb des Mainstreams zu veröffentlichen.“

Denn wer frei ist, ist ein König                          04.04.2011

Interview mit Ursula Ott, Geschäftsführerin

des Georg Büchner Buchladens im Darmstädter Martinsviertel.



Wie sind Sie auf Ihren Namen gekommen?


Ursula Ott: Wir heißen Georg Büchner Buchladen, weil er hier in

der Nähe von Darmstadt geboren wurde und gewohnt hat und weil

er ein Sozialrevolutionär war. Das kam uns entgegen. Außerdem gab

es in Darmstadt sonst nur eine Georg-Büchner-Schule sonst nichts.

Wir fanden einfach sein Engagement für die Armen gut und wollten

ihm ein Denkmal setzen. Außerdem war er, als er gestorben ist,

genauso jung wie wir, als wir den Laden eröffnet haben.


Wie waren die Anfänge?


Ott: Unruhig. Als wir hier angefangen haben, lief laut Musik und wir qualmten wie blöd. Ab und zu hatten wir auch die Polizei da. Das waren noch bewegtere politische Zeiten, wobei es jetzt ja auch wieder bewegter wird. Wir waren eine Buchhandlung Schrägstrich Politbüro. 1975 haben wir eröffnet. Vorher war das eine Buchhandlung vom KBW [ – Kommunistischer Bund Westdeutschlands]. Deswegen wurden wir als linksradikal eingeschätzt. Da war die RAF [– Rote Armee Fraktion ] noch Thema und da gab es Nachbarn, die uns geschnitten haben. Eine Frau, die sich kaum bewegen konnte, lehnte sich aus dem Fenster und fing an zu schimpfen, sobald sie einen von uns sah. Das fanden wir aber eher lustig als bedrohlich.


Wie haben Sie Ihr Sortiment ausgewählt?


Ott: Zu Anfang haben wir monatelang Listen gebastelt mit Büchern, die wir da haben wollten. Das sollten natürlich politische Sachen sein. Die Bücher, die hier waren, waren uns zu links. Wir hatten sie zwar erst im Programm, wollten sie aber schnell loswerden. Die Erlöse aus den Verkäufen haben wir immer reinvestiert und so langsam ein Sortiment aufgebaut. Den Laden hatten wir von mittags zwölf Uhr bis abends um sechs offen gehabt und morgens haben wir studiert. Bezahlt haben wir uns nichts. Wir haben erst mal geschaut wie wir so zurecht kommen. Dann haben wir irgendwann angefangen uns ein bisschen was zu bezahlen und die Ladenzeiten zu erweitern.


Waren die Räumlichkeiten schon immer so gestaltet?


Ott: Nein. Wir haben immer mal wieder umgebaut. Am Anfang war vorne der Laden und in den Räumen hinten stand eine Badewanne und es gab eine alte Küche. Da hat ein Obdachloser gewohnt. Im Suff hat er dann aber mal mit einem Kumpel was kaputt gemacht und das war für uns der Punkt, wo wir ihn gebeten haben, sich einen anderen Platz zu suchen. Wir haben den Raum hinten als Lager für die Bücher genutzt. Das war uns dann einfach zu gefährlich. Deswegen musste er gehen. Fünf Jahre später haben wir da ein modernes Antiquariat reingemacht. Antiquarische Bücher sind die, bei denen der Ladenpreis aufgehoben ist. Die sind nicht mehr an die Buchpreisbindung gebunden und können für jeden Preis verkauft werden. Die 70er und die Anfänge der 80er waren auch die richtige Zeit dafür. Das war die Zeit der Antiquariate. Wir haben dann jedes halbe Jahr ein Heft mit unserem Bücherbestand herausgegeben. In dem stand der Zustand drin und der Preis vorher und jetzt. Da kamen auch Leute von außerhalb. Um den Bestand zu halten, haben wir auch Nachlässe und kleinere Bibliotheken aufgekauft. Besonderes Interesse galt der Politik, aber auch der Kunst, dem Design und vor allem der Architektur. Das lief nämlich super.


Wie läuft es momentan?


Ott: 2007 haben wir das Antiquariat rausgeschmissen und die Sachen teilweise ins Netz gestellt. Es gab immer weniger Leute, die ein Faible für Erstausgaben und so etwas hatten. Die sucht man heute über das Internet. [Anmerkung 1] Manchmal ist es schon lustig, wenn wir was für 45 Euro verkaufen wollten und im Internet stand das Buch für 600 Euro drin – schon kurios. Der Buchhandel ist, seit ich ihn kenne, im Wandel begriffen, der Einzelhandel generell. Man muss sich immer wieder was Neues überlegen und sich anpassen in gewisser Weise. Das ist schon manchmal eine ziemlich große, fast zu große, Herausforderung.


Sind Veränderungen nicht etwas Positives?


Ott: Eigentlich schon, aber es gibt auch negative strukturelle Veränderungen: Die großen Ketten und auch das Internet haben großen Einfluss auf die Buchproduktion. Verlage, die nicht von denen geführt werden, haben eigentlich gar keine Chance zu überleben. [Anmerkung 2] Folglich schließen sich kleine Verlage zusammen, um zu überleben. So wird von immer weniger Verlagen immer mehr Umsatz gemacht. [Anmerkung 3] Die verkaufen aber natürlich vorzugsweise Bestseller, alles andere interessiert die nicht. Die kleinen Verlage haben aber die besonderen Sachen. Das ist das eigentlich Interessante am Buchhandel, finde ich. Wenn die kleinen Verlage wegfallen und damit die extraordinären Bücher, dann hätte es für uns keinen Sinn mehr zu existieren. So weit ist es aber zum Glück noch nicht. Schaut man aber nach Großbritannien, könnte man dort die Zukunft sehen. [Anmerkung 4]


Wie gehen Sie mit solchen Veränderungen um?


Ott: Wir lassen uns etwas einfallen. Vor fünf Jahren haben wir mit anderen kleinen Buchhandlungen hier in Darmstadt einen Verbund gebildet: Darmstadts unabhängige Buchhandlungen. Unser Motto ist: Denn wer frei ist, ist ein König. Wir machen Veranstaltungen zusammen, wir vermitteln untereinander Kontakte, wir unterhalten uns über Ideen und diskutieren die Situation. Das ist sehr positiv. Es gab früher in Darmstadt 35 Buchhandlungen, glaube ich. Jetzt sind es noch fünf oder sechs. Da muss man sich einfach gegenseitig stärken. Deswegen machen wir auch zum Beispiel mit dem Bessunger Buchladen zusammen das literarische Programm der Centralstation. Wir denken uns einfach immer wieder was Neues aus.

Ursula Ott,

Geschäftsführerin