Meine Suche im Internet ergibt, dass es vier größere Vertreter des Großhandels gibt. Ich will natürlich mit dem größten sprechen und wende mich an KNV. Ans Telefon bekomme ich nach einigen Schwierigkeiten Markus Fels, den Einkaufsleiter. Was macht ein Großhändler? „Wir von KNV beziehen die Waren von rund 4.300 Verlagen und liefern sie an 7.200 Buchhandlungen. Diese Waren umfassen 480.000 Medieneinheiten, darunter nicht nur Bücher, sondern auch Kalender, Spielwaren, Hörbücher und so weiter. Alles, was es in Buchhandlungen eben zu kaufen gibt.“ Er ist also quasi zwischen Verlage und Buchhandlungen geschaltet. „Wir sind aber nicht nur Warenlieferant sondern auch Dienstleister und Berater.“ Ich entdecke Weiterbildungsmöglichkeiten für Buchhändler, Buchhandels-Systeme für die Bestellvorgänge in den Läden und andere Angebote. Ein Mädchen für alles sozusagen.


Jetzt fehlt mir nur noch die Nummer drei: die Hersteller. Wie der Name schon vermuten lässt, sind das die, die die Bücher herstellen – also die Verlage. Wikipedia spuckt mir eine ewig lange Liste mit deutschsprachigen Verlagen aus. Hier kann ich nur zufällig wählen. Ich picke mir den Groh-Verlag heraus, weil er nicht so groß ist. Da komme ich bestimmt schneller an einen Ansprechpartner als bei KNV. Und so ist es auch. Paul Birkenbach, Verlagsvertreter von Groh, erklärt mir die Aufgabe von Verlagen: „Wir von Groh vereinen Schreiben, Design, Herstellung, Vertrieb und Marketing. Andere Verlage schreiben eben nicht selbst. Verlage sind also zwischen den Autor und den Endverbraucher geschaltet.“


Jetzt habe ich einen Einblick in die Buchbranche und kenne die wichtigsten Teilnehmer, aber ich wüsste doch gern, ob die alten Damen wirklich Grund zur Beschwerde haben. Ob die großen Ketten und das Internet wirklich schuld sind, wenn kleine Läden schließen. Deswegen frage ich einfach mal bei der sogenannten Konkurrenz nach. Meine erste Station ist ein Thalia. Dort spreche ich mit der Filialleiterin Alexandra Herrmann und ihrer Stellvertreterin Anke Kremmling.


„Die sehen uns garantiert als Konkurrenz, aber für eine gute inhabergeführte Buchhandlung sind wir keine Konkurrenz“, sagt Frau Herrmann. Nun gut. Die sind sicher voreingenommen. Sie müssen ja von sich überzeugt sein, aber auch Herr Feld vom Börsenverein stützte bei unserem Gespräch diese Theorie: „Mit dem Auftreten einer Großflächenbuchhandlung haben wir öfter das Phänomen, dass kleinere Buchhandlungen schließen und das Geschäft aufgeben. In aller Regel liegt das daran, dass es betriebswirtschaftlich gesehen schon Grenzbetriebe waren.“


Also können die großen Ketten nicht wirklich etwas dafür – dann das Internet? „Es gibt den Wandel und zwar den Wandel vom stationären Buchhandel ins Internet“, sagt Frau Herrmann. „Den nehmen wir wahr, haben aber als Unternehmen keine Probleme damit, weil wir ziemlich früh eingestiegen sind mit unserer Multi-Channel-Strategie.“ Multi-Channel heißt übersetzt Mehrkanal und genau das bedeutet es auch: Thalia verzahnt das Filialnetz mit digitalen Vertriebskanälen.


Die Musik spielt also im Internet. „Wir [...] sind der zweitgrößte Händler im Internet nach Amazon,“ erklärt Alexandra Herrmann. Da bringt sie schon den nächsten großen Akteur ins Spiel: Amazon. Leider ist dort kein Herankommen an einen Gesprächspartner. Auch bei anderen Internet-Versandhändlern stehe ich vor verschlossenen Türen bis sich buch24.de bei mir meldet.


„Wir von buch24.de haben 2000 gestartet und haben mit einem Prozent Umsatz angefangen und jetzt ist es 2011 und es sind zehn Prozent. Wir haben also einen permanenten Umsatzzuwachs“, erklärt mir Thomas Neumann, einer von den drei Geschäftsführern. „Der stationäre Buchhandel dagegen stagniert.“ Thalia geht es also, dank Internet, gut und die Versandhändler erfreuen sich am Trend, dass immer mehr im Internet bestellt wird.


Daraus schließe ich, dass nur die Buchhändler, die nicht auf das digitale Pferd aufgesprungen sind, zu kämpfen haben. Herr Feld vom Börsenverein versucht meinen Blick etwas zu erweitern: „Ich sehe einen Wandel. Der ist aber nicht auf den Buchmarkt alleine beschränkt. Der Wandel, den ich sehe, entsteht durch den Wandel in der Einzelhandelsstruktur insgesamt.“ Ich muss also noch einen Schritt zurücktreten. Er erklärt weiter, dass die Ortszentren durch Leerstände immer schwächer werden würden und alles auf die grüne Wiese ziehe. [Vergleiche Text: Web 2.0]


Ich fasse zusammen, um nichts zu übersehen: Es gibt einen Wandel auf dem Markt, der sich aber nicht auf den Buchmarkt allein beschränkt. Es sind in den letzten Jahren viele Großflächen entstanden, die den Einzelhandel dazu gezwungen haben etwas zu ändern. Auch das Internet ist im Trend. Der Einzelhandel verlagert sich immer mehr dort hin. Der Markt ist im Wandel, aber ist das nicht der Lauf der Dinge? Mich brennt es zu erfahren, was die Betroffenen – die kleinen Buchhandlungen – dazu sagen und wie sie dem Wandel begegnen.

Der Wandel ist mitten unter uns


Es ist ein verregneter, kalter, windiger Februarvormittag. Was ist die optimale Beschäftigung? Lesen! Aber ich habe nichts mehr da, was mich reizt. Aber jetzt nach draußen in das ekelhafte Wetter? Nein, das muss nicht sein. Also ab in Amazon, was Schönes ausgesucht und – klick – bestellt.


Am nächsten Morgen klingelt der Postbote und drückt mir das typische Aufreiß-Paket in die Hand. Es ist zu dick für den Briefkasten. Heute ist aber das Wetter besser. Ein bisschen frische Luft kann nicht schaden und die schönste Art frische Luft zu schnappen ist in der Stadt. Die Krusch-Kisten von Thalia locken ungemein. Ist was Schönes und auch noch Billiges dabei? Zwei ältere Damen zockeln an mir vorbei während ich wühle. „Überall diese unübersichtlichen Riesendinger.“ Die andere Dame mit rotem Hut nickt. „Ja, und dann dieses Internet.“ Wieder wird genickt. „Gisela hat erzählt, dass die Buchhandlung bei ihr um die Ecke schließen musste.“ „Was du nicht sagst.“ Und schon sind sie vorbei.


Ich schaue ihnen verwirrt hinterher. Das ist doch alles Quatsch. Die kleinen Buchläden existieren neben den großen. Die haben doch zwei ganz unterschiedliche Zielgruppen, oder? Nachdenklich wende ich mich von der Bücherkiste ab und laufe um mich blickend durch die Innenstadt. Hugendubel, Karstadt, H&M, Nordsee. Ketten, alles Ketten. Wo sind die kleinen Geschäfte hin? Wo früher Hannas Modegeschäft war, ist jetzt ein Pimkie und Müllers Kurzwaren musste einem Hunkenmöller weichen.


Wieder zu Hause sieht das Amazon-Paket irgendwie anklagend aus. „Gisela hat erzählt, dass die Buchhandlung bei ihr um die Ecke schließen musste.“ Der Satz spukt mir im Kopf herum. Ketten und Internet-Buchhandel verdrängen die kleinen, unabhängigen Buchhandlungen? Das kann ich nicht glauben. Ich setze mich an meinen Computer und durchforste das Internet.


Ich suche nach Zahlen und Fakten und stolpere über folgendes: „Der deutsche Buchmarkt erwirtschaftete im Jahr 2009 einen Umsatz von rund 9,7 Milliarden Euro [...] – gegenüber dem Vorjahr waren das 0,8 Prozent mehr.“ Dem Buchhandel ging es also vor etwas mehr als einem Jahr gut, aber da ist auch der Online-Buchhandel und die großen Ketten mit eingerechnet. Ich lese weiter und stelle fest, dass sich beim „Sortimentsbuchhandel“ nichts getan hat und der Online-Buchhandel 16 Prozent Zuwachs im Gegensatz zum Jahr 2008 hatte.


Sortimentsbuchhandel? Bei mir entstehen nur noch mehr Fragezeichen. Auf was für einer Seite bin ich eigentlich? Auf der des Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Den frage ich jetzt. „Mein Name ist Klaus Feld. Ich [...] bin Geschäftsführer der Landesverbände Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland im Börsenverein des Deutschen Buchhandels.“ Dieser Herr Feld hat also bestimmt Ahnung, aber was ist denn eigentlich dieser Börsenverein? „Der Börsenverein ist ein Zusammenschluss der Verlage, Großhändler und der Buchhandlungen. Das heißt, er vereint im Verband sowohl die Herstellerseite, die Großhandelsseite [...] und die Distributionsseite [...].“ Im Börsenverein laufen also scheinbar alle Fäden, die den Buchhandel betreffen, zusammen.


Hersteller, Großhandel und Distribution – das merke ich mir für später. Jetzt wüsste ich gern, was Sortimentsbuchhandel bedeutet. „Das ist ein sehr vielfältiger Bereich. Er umfasst Läden von 20 bis 2000 Quadratmetern Ladenfläche und er bietet die klassischen buchhändlerischen Dienstleistungen an“, erklärt mir Klaus Feld. Was sind das für Dienstleistungen? „Der Buchhändler, die Buchhändlerin [...] haben Kenntnis von den aktuellen Neuerscheinungen, [...] kennen in aller Regel ihre Kundschaft. Sie können anhand der Zusammensetzung ihrer Kundschaft schon beim Wareneinkauf entscheiden: Dafür habe ich einen Kunden, dafür habe ich keinen Kunden. So können sie entsprechend ihr Sortiment, daher der Name Sortimentsbuchhandel, zusammenstellen.“ Das ist einleuchtend. Im Folgenden benutzt Herr Feld statt Sortimentsbuchhandel auch gerne stationärer Buchhandel oder Standortbuchhandel. Das bedeute aber alles das Gleiche, versichert er mir.


Nach dem Gespräch beschäftigt mich die Dreiteilung der Buchbranche von der Herr Feld gesprochen hat: Hersteller, Großhandel und Distribution. Distribution heißt Vertrieb oder Verbreitung und wer verbreitet Bücher? Der Buchhandel. Das sind die, die mir mein Buch verkaufen – also Versandhändler und Buchhandlungen vor Ort. Doch was ist Großhandel?






Klaus Feld

Geschäftsführer der Landesverbände Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland im Börsenverein des Deutschen Buchhandels












© Rahel Trotta





Markus Fels

Einkaufsleiter von KNV












© KNV





Paul Birkenbach

Verlagsvertreter von Groh für Hessen, Thüringen, Bayern, Nordrhein-Westphalen und Schleswig-Holstein












© Groh





Alexandra Herrmann

Filialleiterin von Thalia im Loop5 in Weiterstadt












© Thalia





Anke Kremmling

Stellvertretende Filialleiterin von Thalia im Loop5 in Weiterstadt












© Thalia